Drei Monate vor den Wahlen des Europäischen Parlaments habe ich mir die Frage gestellt, was Europa für mich bedeutet und warum mich das Aufkommen populistischer und euroskeptischer Bewegungen in allen Ecken unseres Kontinents so sehr beunruhigt. Getreu der Philosophie meines Blogs möchte ich diese Fragen mit meiner persönlichen Geschichte beantworten.

Meine Ausbildung, meine Arbeit, mein Privatleben: Wenn ich diese Aspekte meines Lebens genauer betrachte, sehe ich, wie sehr Europa – und insbesondere die EU – im Mittelpunkt all meiner Entscheidungen stand. Oft genug hat die „europäische Idee“ vieles erst möglich gemacht. Ganz besonders gilt das für sechs Phasen meiner bisherigen persönlichen und beruflichen Reise:

1. Meine Kindheit und Jugend mit meiner Familie

Als Englischlehrerin organisierte meine Mutter Schulfahrten ins Ausland oder internationale Schüleraustäusche und mein Vater bereiste mit Begeisterung andere Länder. Bei uns Zuhause gingen Gäste ein und aus, deren fremde Sprachen schon früh meine kindliche Neugier weckten.

Ich erinnere mich noch gut an die ersten Reisen ins europäische Ausland, die ich in den neunziger Jahren mit meinen Eltern und ein paar Freunden unternehmen durfte. Bis 1995 mit dem Schengener Abkommen die Grenzkontrollen innerhalb Europas abgeschafft wurden, musste man bei der Einreise in ein anderes Land an der Zollstelle anhalten. Ich spürte regelrecht die Angst der Erwachsenen vor diesen bewaffneten Herren in Uniform, die unser Auto mit Argwohn inspizierten und manchmal sogar den pickepackevollen Kofferraum komplett ausräumten, um alles zu kontrollieren. Und wenn wir dann endlich weiterfahren durften, machte sich die Erleichterung der Großen mit einem kollektiven Seufzer im Fahrzeug Luft. Selbst auf kurzen Reisen überquerten wir im Schnitt zwei oder drei Landesgrenzen – und zwar auf der Hinfahrt wie auf der Rückfahrt.

Bis zum Jahr 2000 hatte auch jedes Land eine eigene Währung: Wegen der hohen Gebühren und den variablen Wechselkursen stellte sich bei jeder Fahrt die Frage, ob man die italienischen Lire bei der Bank, an der Grenze oder erst im Zielland wechseln sollte.

So manches Mal hielten wir nicht an den Rasthöfen in Österreich, weil wir zwar schon D-Mark gewechselt aber keinen Schilling in der Tasche hatten. Zum Glück hatte Mama Zuhause leckere Sandwiches und Papa die Thermoskanne mit Kaffee vorbereitet! Das klingt mittelalterlich, nicht? Aber bei dem aktuellen politischen Klima, könnten Reisen in Europa bald wieder so aussehen! Gäbe es wieder Grenzen, müsste ich auf den 50 Kilometern zwischen Aachen, wo ich arbeite, und Genk, wo ich mit meinem Partner lebe, zweimal anhalten, weil ich durch drei Staaten fahre!

2. Erste Studienaufenthalte im Ausland

Bei einer so gastfreundlichen und reisefreudigen Familie überrascht es nicht, dass ich mich als eine der Ersten zu der Studienfahrt nach Großbritannien anmeldete, die meine Englischlehrerin in der siebten Klasse für uns Schülerinnen und Schüler organisierte. Im darauffolgenden Sommer setzte ich diese Erfahrung in Irland fort und nach meinem ersten Jahr im wissenschaftlich-sprachlichen Gymnasium habe ich meine Deutschkenntnisse auf die Probe gestellt – und zwar in Berlin. Ich begann mich, wie eine Weltbürgerin zu fühlen und mein Interesse an den europäischen Institutionen, von denen ich so viel gehört hatte, wuchs.

3. Der Kulturaustausch mit Ulm

In der Zwischenzeit setzte mein Gymnasium den 2001 begonnenen Kulturaustausch mit dem Schubart Gymnasium in Ulm fort. Im Rahmen dieses Projekts des europäischen Comenius-Programms begleitete meine Mutter bereits die italienischen Schülerinnen und Schüler nach Deutschland und beherbergte einige der deutschen Lehrerinnen und Lehrer bei uns Zuhause. Selbstverständlich nahm auch ich, als ich es im meinem zweiten Gymnasialjahr endlich durfte, mit meiner Klasse an diesem Austausch teil und ich freute mich sehr darüber, nun endlich nicht nur die Lehrer, sondern auch meine Mitschüler aus Ulm bei mir aufzunehmen.

4. Erasmus in Antwerpen

Aber nun der Reihe nach: Nach dem Bestehen des Zulassungstests für die SSLMIT in Forlì begann ich mein dreijähriges Studium im Studiengang Übersetzen und Dolmetschen für die Sprachen Deutsch und Englisch. Zu Beginn des zweiten Studienjahres bewarb ich mich dann auch gleich für die Teilnahme am Erasmus-Programm, das von der Europäischen Union finanziert wird. Als Wunschländer hatte ich Deutschland oder England angegeben, um dort meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Aber mangels Studienplätzen in diesen Ländern entschied ich mich für Belgien und verbrachte ein Semester an der Lessius Hogeschool in Antwerpen. Die monatliche Unterstützung fiel eher gering aus, aber trotzdem konnte ich dank dem Erasmus-Stipendium eine Zweizimmerwohnung mit einer Kommilitonin anmieten.

Im Rahmen meines Studiums in Antwerpen hatte ich die Gelegenheit, die europäischen Institutionen kennenzulernen und die verschiedenen Sitze der EU zu besuchen.

Meine in Antwerpen abgelegten Prüfungen wurden ohne Weiteres von der Universität Forlì anerkannt, so dass ich ohne Verzögerungen mein Studium fortsetzen konnte.  

5. Das Master-Studium in Germersheim (Universität Mainz)

Nach meinem Abschluss im Fach Interkulturelle Sprachmittlung in Forlì erhielt ich problemlos die Zulassung zur Teilnahme an der Aufnahmeprüfung einer der renommiertesten Ausbildungsinstitutionen für Dolmetscher und Übersetzer in Europa – dem Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der Universität Mainz in Germersheim.

Als EU-Bürgerin legte ich dort meine Abitur- und Universitätsabschlüsse vor, die beide – gemäß den europäischen Rechtsvorschriften über den freien Personen- und Warenverkehr innerhalb der EU – in fünf Sprachen verfasst und von der Johannes-Gutenberg-Universität sofort anerkannt wurden. Das Immatrikulationsverfahren ist für Deutsche und EU-Bürger identisch, während es für Nicht-EU-Bürger komplexere Anforderungen vorhält.

6. Mein Schritt in die Selbständigkeit

Nach dem Abschluss meines Masterstudiums im März 2014 zog ich problemlos von Italien nach Deutschland, wo ich eine Umsatzsteuer-Identifikationsnummer beantragte und mich in kürzester Zeit als freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin selbständig machte. Auch in dieser Phase meines Lebens profitierte ich von meinem Recht auf Personenfreizügigkeit. 

Ich habe mich zudem in das Verzeichnis der im Ausland wohnhaften italienischen Staatsbürger, dem AIRE, eingetragen, um einige Steuerdienste in Italien in Anspruch zu nehmen und die Möglichkeit zu haben, bei Wahlen meine Stimme abzugeben, ohne dafür nach Italien reisen zu müssen. Ich bin Mitglied in einer Reihe von Berufsverbänden wie dem Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ), bei dem ich aktuell auch im Vorstand aktiv bin, und dem Verband der Konferenzdolmetscher (VKD). Dies gab mir die Möglichkeit, ein solides Netzwerk mit Kolleginnen und Kollegen aufzubauen, aus dem kürzlich Eloquens hervorging, unser regionales Netzwerk aus Konferenzdolmetschern.

Ich kann mir vorstellen, dass viele Europäerinnen und Europäer der Generation X und Y ähnliche Geschichten zu erzählen haben – und ich würde mich freuen, sie zu hören! Denn sollte es tatsächlich wahr sein, dass wir, die wir nur wenige Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren wurden, es nicht wirklich zu schätzen wissen, auf einem Kontinent ohne Kriege zu leben, dann sollten wir zumindest wertschätzen, welche Möglichkeiten uns die europäische Integration für unser ganz persönliches Leben eröffnet hat.

Also: Was hat Europa für euch getan? Schreibt mir eure Geschichte! Ich freue mich auf eure Kommentare.