Was für ein Jahr! Wer hätte im Januar gedacht, dass ein winziges Virus unser Leben auf den Kopf stellen würde? Für mich als Konferenzdolmetscherin ist durch die Absage vieler internationaler Konferenzen der wichtigste Geschäftszweig von heute auf morgen eingebrochen. Wenn ich nicht nebenbei auch als Übersetzerin im Bereich Kosmetik, Marketing & PR und als Gerichtsdolmetscherin tätig wäre, hätte ich Schwierigkeiten gehabt, das Jahr finanziell zu überstehen.

Und doch bin ich mittlerweile der Meinung, dass die Corona-Krise durchaus positive Nebeneffekte hat. So kamen einige Veränderungen, die in der Planung bereits vorangeschritten waren, nun zum Durchbruch.

Dabei denke ich nicht nur an die Digitalisierung, sondern auch an die sogenannte grüne Wende.

Einerseits hat uns die Zwangspause dazu motiviert, manches aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Wir spürten plötzlich das Bedürfnis, viel Zeit draußen in der Natur verbringen, und haben (vielleicht eher unbewusst) festgestellt, wie viel wir von der Natur und ihrer Fähigkeit, sich zu regenerieren, lernen können. Wir haben uns wieder auf das Wesentliche besonnen, aber auch gesehen, wozu der unverantwortliche Umgang mit Ressourcen und die Massentierhaltung langfristig führen können. Und das eine Wende überfällig ist.

Foto: privat

Das Engagement der Eventbranche

Im Laufe des Jahres habe ich in der Artikelserie „nachhaltig Tagen“ von spannenden – vor allem virtuellen und hybriden – Veranstaltungen berichtet, die mich inspiriert haben und Trends, die unsere Welt zu einem besseren Ort machen könnten. Einen besonderen Schwerpunkt habe ich auf die Eventbranche gelegt, weil ich als Konferenzdolmetscherin bei internationalen Events mit dieser häufig in Berührung komme. Neben Initiativen wie #AlarmstufeRot, die eine breite Öffentlichkeit erreichten, arbeitete die Branche auch weiterhin hinter den Kulissen, um gestärkt aus der Krise zu kommen und die grüne Wende proaktiv mitzugestalten. 

Im Oktober veröffentlichte die IMEX Group den Regenerative Revolution Report. Dort werden Lösungen präsentiert, wie die Veranstaltungsbranche den Übergang von einer linearen Wirtschaft nach dem Motto „produzieren, konsumieren, wegwerfen“ zu einer Kreislaufwirtschaft fördern könnte.

In diesem Artikel habe ich ein paar Anregungen und Best Practices aus dem oben erwähnten Report, aber auch aus Veranstaltungen wie PlanetIMEX und dem MeetGermany Summit NRW für euch gesammelt und in 5 Bereiche aufgeteilt.

Quelle: Regenerative Revolution Report

1.     Nachhaltiger Umgang mit Materialien   

Das wissen wir eigentlich schon längst: Die Ressourcen unseres Planeten sind nicht unerschöpflich. Bei unserer Nachfrage nach Energie, Lebensmitteln und anderen Konsumgütern werden wir noch vor 2050 die Ressourcen von drei Planeten benötigen. Nur 8,6 Prozent des weltweiten Materialzuflusses werden aktuell wiederverwertet.

Bei Messen, Events und Veranstaltungen werden viele Gegenstände nur einmal verwendet. Man denke u.a. an Teppiche, Banner, Textilien, Bodenbelägen, Mobiliar, Giveaways, Ständer aber auch an die Speisen usw.

Wie könnte hier die Branche den Kreislaufgedanken, Stichwort Zero-Waste-Wirtschaft, umsetzen?

Laut Guy Bigwood – Initiator der Global Destination Sustainability Movement und Autor des Reports – sollten wir die Materialien und Baustoffe für unsere Events so entwerfen und einsetzen, dass sie aufbewahrt, wiederverwendet oder, mittels Recycling oder Regenerierung, wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden können.

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In dem Report werden ein paar Beispiele genannt, unter anderem der Circular Garden at Milan Design Week 2019, bei dem Mycel aus Pilzen für die Bauelemente eingesetzt wurde. Entworfen wurde die Struktur von Ecovative, einem US-amerikanischen Startup, das natürliche Materialien als Ersatz für Plastik im Design-Bereich erforscht und entwickelt.

Noch klingt das nach Zukunftsmusik, aber es ist zu hoffen, dass die Kosten dieser innovativen Lösungen sinken werden, je mehr Leute sie einsetzen.

Eine Alternative könnte sein, die benötigten Materialien und das Mobiliar zu mieten oder nach der Veranstaltung an Hilfsorganisationen zu spenden. Damit würde auch Ziel Nummer 1 der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, nämlich die Armutsbekämpfung, abgedeckt.

2.     Übermäßigen Plastikkonsum vermeiden

Vor Corona wurden auch in der Eventbranche Bestrebungen unternommen, den Plastikkonsum bei Events zu senken, u.a. um die Vermüllung der Meere zu bekämpfen (Ziel 14 auf der Agenda 2030). Während der Pandemie ist jedoch der Einsatz von Einweglösungen bei Veranstaltungen gestiegen, weil Hygiene im Moment die höchste Priorität ist.

Quelle: Pixabay

Kompostierbares und/oder recyclingfähiges Plastik könnten als Übergangslösung dienen. Der Food- und Freizeitpark „FICO“ setzt zum Beispiel Einweggeschirr als Polymilchsäure (PLA) ein. Das ist ein Biokunststoff, der auf Basis nachwachsender Rohstoffe erzeugt und anschließend recycelt wird.

Die Gäste sollten allerdings mit Schildern usw. darauf aufmerksam gemacht werden, dass das Geschirr kompostierbar ist, sonst landet es im falschen Mülleimer.

Alternativ wäre es möglich, zu überlegen, in welchen anderen nicht hygienerelevanten Bereichen der Veranstaltung der Einsatz von Einwegplastik vermieden werden könnte.

Letztendlich geht es wie bereits im Artikel über PlanetIMEX erwähnt bei der Plastikvermeidung nicht so sehr um einen Endspurt, sondern um einen Marathon.

Weitere Ideen zur Plastik- und Müllvermeidung findet Ihr in diesen Artikeln:

3.     Alle mitnehmen

Wenn man Events nachhaltig planen möchte, sollte der soziale Aspekt nicht außer acht gelassen werden. In der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung ist daher mehrfach von Inklusion die Rede.

Dazu gab es bei der Planet IMEX October Edition einen spannenden Impulsvortrag von Ashanti Bentil-Dhue und Gabrielle Austen-Browne, Gründerinnen von Diversity Ally, einer britischen Organisation, die sich für mehr Vielfalt (diversity) in der Eventbranche einsetzt. 

Was kann ein Eventunternehmen tun, um mehr Vielfalt und Inklusion umzusetzen?

-Den eigenen Lieferantenpool regelmäßig aktualisieren und eventuell auf soziale Unternehmen (die z.B. Minderheiten oder Personen mit Behinderung einsetzen) erweitern. Das kann auch dabei helfen, das Risiko zu diversifizieren und in manchen Fällen eine Kostensenkung ermöglichen;

-In den eigenen Vorständen und Aufsichtsräten für Vielfalt sorgen;

-inklusive Veranstaltungen planen, die möglichst vielen Menschen – unabhängig von Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung, Hautfarbe, sozialem Status – offen stehen. Das war zum Beispiel eines der Ziele der BOCOM Anfang September.

dolmetscherin-italienisch

Mein persönlicher Tipp: Um alle Teilnehmer*innen optimal einzubeziehen, kann eine Verdolmetschung in die Hauptsprachen der Anwesenden oder in leichte Sprache angeboten werden. Gerne berate ich euch diesbezüglich. Übrigens, es gibt auch Dolmetscher*innen mit einer Behinderung, die sich jedoch in keinster Weise auf die Qualität der Dolmetschleistung auswirkt. 

4.     Nachhaltige Verpflegung

Das Essen spielt bei der Wende zu einer nachhaltigen und inklusiver Eventwirtschaft eine übergeordnete Rolle. Idealerweise werden die Zutaten für das Catering regional und saisonal bezogen, um Emissionen zu vermeiden. Pflanzliche Produkte werden bevorzugt. Es wird dafür gesorgt, dass so wenig wie möglich übrig bleibt und dann gespendet wird, um Müll zu vermeiden und die Armut zu bekämpfen. Das erfreut zugleich gesundheitsbewusste Gäste und Genießer und die örtliche Community hat auch was davon.

Einige Caterer haben mittlerweile einen Weg gefunden, Corona-Auflagen und Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen. Dazu gehören zum Beispiel RitterRichard Catering, das mit Erzeugern aus der Region zusammen arbeitet und auf Wunsch vegan-vegetarische, saisonal zusammengestellte Speisen bietet. Oder der Caterer Kaiserschote, das bei der Hybridveranstaltung MeetGermany Summit NRW mit seinen Genuss-Boxen ein gemeinsames Genussmoment für die physischen und virtuellen Teilnehmer*innen aus regionalen, saisonalen, biologischen, frischen und veganen Zutaten zauberte.

Kaiserschote-Stand beim MeetGermany Summit NRW

Die remote zugeschalteten Gäste hatten die Glasdosen vorab per Post nach Hause und ins Büro geschickt bekommen und öffneten sie gleichzeitig mit den physisch anwesenden Gästen, während André Karpinski, Geschäftsführer von KAISERSCHOTE, die Besonderheiten der liebevoll zubereiteten Speisen erklärte.

(Über den Trend „Unboxing“ könnte ich bei Interesse in einem anderen Artikel über Erfolgsfaktoren bei hybriden Events berichten).

Übrigens, das Kürbis-Crunch von Kaiserschote habe ich ein paar Tage später mit großem Vergnügen nachgekocht. Mit Kürbissen aus dem Garten meiner „Schwiegeroma“ und anderen saisonalen Zutaten aus dem Bioladen. Ein köstliches Beispiel dafür, wie eine Veranstaltung einen auf neue kulinarische Wege entführen kann.

5.     Co2-Ausstoß beim Transport reduzieren

nachhaltige Tagungen

Da Reisen im Moment aufgrund von Corona unter einem höheren Gesundheitsrisiko stehen, erfreuen sich 3D-Rundgänge einer größerer Beliebtheit. Sie bieten Veranstaltungsplanern die Möglichkeit, sich eine Location in hoher Auflösung vorab anzuschauen und dadurch Aufwand, Kosten aber auch Co2-Emissionen zu ersparen. Beim MeetGermany Summit NRW hatte ich dazu ein interessantes Gespräch mit der Firma AllSeated, die solche virtuellen Besichtigungen anbietet.

Diese Lösung werde ich im Hinterkopf behalten und bei Bedarf internationalen Kunden, die sich für die Verdolmetschung an mich oder an eloquens wenden, ans Herz legen. Denn auch wenn virtuelle Besichtigungen einer Location den Besuch vor Ort nicht ersetzen können, sind sie womöglich bei der Vorauswahl behilflich und können unnötige Reisen im Vorfeld ersparen.

Auf der BOCOM wurde zudem die Plattform Meeting Place Finder von Convien präsentiert. Sie hilft Planern dabei, die ideale Meeting-Location zu finden, um Zeit, Geld, aber auch Emissionen zu sparen. Die Location kann so gewählt werden, dass die meisten Teilnehmer sie über ökologische Transportwege erreichen können.

Emissionen werden auch erspart, indem man, wie ich es oben bereits beschrieben habe, lokale Dienstleister anfragt, die keine weite Anreise haben. Das gilt nicht nur für das Catering, sondern bei internationalen Veranstaltungen auch für Dolmetscher*innen, wenn sie in größeren mehrsprachigen Teams arbeiten. Arbeitet das Dolmetscherteam (wie z.Z. aus hygienischen Gründen) aus einem RemoteHub, sollte dieser auch für die meisten Dolmetscher*innen gut erreichbar sein.

Sehr gerne organisiere ich für Euch ein Dolmetscherteam am Austragungsort Eurer Veranstaltung oder in einem günstig gelegenen Hub! Auf Wunsch biete ich Euch gerne die Dolmetschtechnik aus einer Hand an (mehr dazu unter: https://saccani-translations.com/simultandolmetschen/)  

Zum Schluss eine gute Zusammenfassung aus dem Report, die das perfekt auf den Punkt bringt.

“A REGENERATIVE EVENTS economy is based on the principles of designing out waste and pollution, keeping products and materials in use, designing in inclusiveness and diversity, and regenerating natural systems. It is inspired by nature, restorative and regenerative by design.”

Guy Bigwood, GDS – Movement.